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Arbeit & Automatisierung

Wohin die gesparte Stunde verschwindet

· 4 Minuten


Auf einem der Zimmermädchenwagen in unserem Haus liegt ein kleines Gerät. Es zeigt an, welches Zimmer als Nächstes dran ist. Es rechnet mit, wer schon ausgecheckt hat, wo noch jemand schläft, welche Reihenfolge die kürzesten Wege ergibt. Früher lief die Reinigungskraft eine Runde ab, die sie sich selbst gemerkt hatte, und ging manchen Gang zweimal.

Das Gerät funktioniert. Es spart wirklich Zeit. Ich habe es nicht geschätzt, ich habe es gemessen: eine gute Stunde am Tag, über eine Etage gerechnet.

Die Frage, die mich seither nicht lossässt, ist eine einfache: Wo ist diese Stunde geblieben?

Sie ist nicht bei der Frau geblieben, die die Zimmer putzt. Die geht nicht eine Stunde früher heim. Sie bekommt auch nicht eine Stunde bezahlt, in der sie nichts tut. Sie bekommt ein weiteres Zimmer.

Am Abend ist sie genauso müde wie vorher. Sie hat nur mehr geschafft.

Das Werkzeug hält sein Versprechen. Der Betrieb kassiert es ein.

Ich will das nicht als Bosheit erzählen, weil es keine ist. Niemand in unserem Haus hat sich hingesetzt und beschlossen, jemandem etwas wegzunehmen. Die Entscheidung fällt gar nicht als Entscheidung. Sie fällt als Selbstverständlichkeit: Wenn eine Stunde frei wird, wird sie gefüllt. Man muss dafür niemanden überzeugen. Man muss nur nichts dagegen tun.

Genau das ist der Punkt, den ich in den großen Debatten über Automatisierung fast nie finde. Dort wird gestritten, ob Maschinen Arbeitsplätze vernichten. Das ist eine wichtige Frage, aber es ist nicht die erste. Die erste Frage ist, was mit der Zeit passiert, die eine Maschine freimacht, während der Arbeitsplatz noch da ist.

Und die Antwort lautet in fast allen Fällen: Sie geht nicht an den, der sie gespart hat.

Das ist kein Einzelfall aus einem Hotel

Das Muster ist alt und gut belegt. In den USA stieg die Produktivität zwischen 1979 und 2018 um rund siebzig Prozent. Die Stundenlöhne der überwiegenden Mehrheit der Beschäftigten stiegen im selben Zeitraum um etwa zwölf Prozent. Für Österreich fehlt mir eine so saubere Zahl, aber wer die Zahl zum ersten Mal sieht, versteht das Prinzip sofort: Der Zugewinn war da. Er ist nur woandershin gegangen.

Vierzig Jahre lang wurde besser produziert, schneller geliefert, effizienter geplant. Der größte Teil dessen, was dabei herauskam, ist nicht bei denen gelandet, die die Arbeit gemacht haben.

Was heute anders ist, ist das Tempo. Diese Umverteilung brauchte Jahrzehnte und lief über Maschinen, die man kaufen und aufstellen musste. Jetzt läuft sie über Software, die man am Freitag einspielt und die am Montag läuft.

Und dann sitze ich auf der anderen Seite des Tisches

Ich baue diese Software mit. Nicht als Beobachter, nicht als jemand, dem das passiert. Ich schreibe daran mit, ich teste sie, ich sage, was sie können soll. Die Wegeoptimierung auf dem Wagen ist nicht über uns hereingebrochen. Wir wollten sie.

Das macht diesen Text unbequem, und ich glaube, das gehört dazu. Es wäre einfacher, das Ganze als etwas zu erzählen, das mächtige Konzerne mit uns anstellen. Aber die Wahrheit ist, dass ich mit einem Werkzeug in der Hand dastehe, das eine Frau um eine Stunde ihres Lebens erleichtert, und dass ich dieses Werkzeug gut finde. Es macht ihre Arbeit tatsächlich leichter. Es ist gleichzeitig das Gegenteil davon.

Beides ist wahr. Deshalb ist die Frage schwer.

Was ich davon halte

Ich halte die Automatisierung nicht auf, und ich möchte es auch nicht. Wer schon einmal um sechs Uhr morgens einen Dienstplan geschrieben hat, in dem zwei Leute fehlen, wünscht sich jedes Werkzeug, das hilft.

Aber ich glaube, wir stellen die falsche Frage, wenn wir nur fragen, ob eine Technik funktioniert. Sie funktioniert meistens. Die interessantere Frage ist, wem der Gewinn zufällt, den sie erzeugt – und diese Frage wird nirgends beantwortet, weil sie nirgends gestellt wird. Sie fällt einfach so aus, wie sie ausfällt, in tausend kleinen Selbstverständlichkeiten auf tausend Zimmerwagen.

Es wäre möglich, das anders zu entscheiden. Eine gesparte Stunde könnte auch eine kürzere Schicht sein. Sie könnte eine Pause sein, die wirklich stattfindet. Sie könnte mehr Lohn für dieselbe Zeit sein. Nichts davon ist naiv, und nichts davon passiert von selbst.

Wenn niemand entscheidet, entscheidet das Laufband.

Porträt von Alexander Seibold
Der Autor

Alexander Seibold arbeitet in einem Hotel in den Tiroler Bergen und baut zugleich an der Software mit, die viele dieser Arbeiten überflüssig machen könnte. Sein Buch „Wozu sind wir noch da?“ ist im Juli 2026 bei BoD erschienen.

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